Tanzbare Musik erkennen

Non-Tango

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Der Beat/ Das Tempo

Zu Beginn ist es wichtig zu beurteilen, ob ein Musikstück „tanzbar“ ist. Die Grundlage dafür ist ein klar erkennbarer Beat. Tango wird gerne als Spaziergang bezeichnet. Mann sollte also auf das Stück „spazierengehen“ können. Dabei handelt es sich aber nicht um das Tempo, das wir im Alltag verwenden um von A nach B zu gelangen, sondern um ein langsames, bewusstes Schreiten. Man sollte langsame Schritte setzen und dazu sprechen können: „lang … lang … lang … lang …“. Für die, die es genau wissen wollen, sollte sich dieses „lang“ in einem Tempo von 50 – 65 bpm (beats per minute) bewegen.

Vorsicht: es handelt sich dabei nicht um das Tempo des Musikstücks. Die „lang“ Schritte sind „half-time“, das heißt das eigentliche Tempo des Musiktücks ist doppelt so schnell, sprich 100-130 bpm.

Ganz besonders gut kann man die Tanzbarkeit daran erkennen, wenn man jedes zweite „lang“ verdoppeln kann – also ein „kurz, kurz“ daraus machen kann. Dabei sollten sich die „kurz, kurz“ Schritte nicht gehetzt anfühlen. Ein Beispiel:

Dennoch muss ein Stück, dessen Tempo unterhalb des genannten Bereichs liegt, nicht automatisch untanzbar sein. Siehe Ausnahmen und Tandas erstellen. Oberhalb des Bereichs kann es passieren, dass die Tänzer versuchen werden, ein als Tango gemeintes Stück als Milonga umzusetzen.

Verspieltheit

Nur weil ein Musikstück tanzbar ist, heißt das nicht, dass es automatisch auch Spaß macht, darauf zu tanzen. Ein befreundeter Tänzer sagt dazu gerne: „Ich möchte mit der Musik spielen können.“ Spielen lässt es sich besonders gut zu Musik, die vielschichtig ist. Diese Schichten oder Elemente sind z. B. der Rhythmus, die Melodie oder Phrasen, die einzelne Instrumente oder Instrumentengruppen spielen.

Ein Stück, das einen starren, durchlaufenden Beat hat, kann, wenn sonst nicht viel passiert im Stück, schnell eintönig werden und den Tänzer wie in ein Korsett einschnüren. Ein paar Unterbrechungen oder Pausen des Beats im Stück machen es für den Tänzer interessant. Ein Stück mit „sehr konsequentem“ Beat, über das es sich meiner Meinung nach streiten lässt, ist dieses hier:

Melodien oder Phrasen können perkussiv oder tragend, gezogen sein. Interessant wird es für den Tänzer besonders dann, wenn es sich abwechselt. Oder beides gleichzeitig vorhanden ist und er wählen kann, auf welches Element der Musik er eingehen möchte. Ein gutes Beispiel für zwei Elemente ist der mittlere Teil (ab 1 Minute) dieses Musikstücks:

Etwas schwierig können auch Stücke mit Instrumentalparts sein, die zu schnell oder „etwas verwirrend“ und damit tänzerisch nicht umsetzbar sind. Wenn aber zumindest der Takt durchläuft, und sich die Tänzer daran „festhalten“ können, werden aber auch solche Musikstücke immer wieder „akzeptiert“:

Spannung

Wenn die oberen beiden Kriterien zutreffen, sollte sich auf ein Musikstück gut tanzen lassen. Das Tüpfelchen auf dem i für die Tänzer ist, wenn das Stück auch noch einen oder mehrere Spannungsbögen hat. Wenn sich also ruhige, steigernde und energiereiche Phasen abwechseln. Ein Beispiel für solche Wechsel ist (ab 1 Minute):

Dabei gibt es allerdings zu beachten: Dramatik braucht Platz. Wenn ein Stück sehr energiegeladen ist (nicht gleichzusetzen mit einem schnellen Beat, auch langsame Stücke können spannungsgeladen sein), dann möchten Tänzer diese Energie gerne austanzen. Es ist also wichtig, das genügend Platz auf der Milonga ist, damit dramatische Stücke genussvoll und nicht frustrierend für die Tänzer sind.

Länge der Stücke

Das Problem vieler schöner Non-Tangos ist, dass sie viel zu lang sind. Vier Minuten lassen sich ohne Probleme jederzeit spielen. Ab fünf Minuten wird es kritisch. Hier gibt es mehrer Ansätze. Eine Lösung wäre, dass man statt drei bis vier Stücken in einer Tanda nur zwei längere Stücke spielt. Prinzipiell ist meine Erfahrung: am Anfang des Abends würde ich auf zu lange Non-Tangos verzichten. Wenn eine Tanda mit Non-Tangos über fünfzehn Minuten lang wird, ist das nicht schön für die Tanzenden und erst recht nicht für die Wartenden.

Es gibt so viele Stücke, die wirklich wunderschön sind, aber einfach lang. Wer sich als DJ die Freiheit diese Stücke zu spielen, nicht nehmen lassen möchte, dem kann ich nur empfehlen sich die Arbeit zu machen und sich in eine Musikbearbeitungssoftware einzuarbeiten. Gut sind Kürzungen und Übergänge erst dann, wenn sie niemand mitbekommt. Es ist viel Arbeit. Aber was könnte trauriger sein, wenn Du ein Stück hast, das gerade perfekt passen würde, welches Du aber nicht spielen kannst?

Wenn der Abend schon weit vorangeschritten ist und sich die Atmosphäre augelockert hat, habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch ein Stück von sechs bis sieben Minuten kein Problem mehr darstellt. Erstens halten sich viele Leute sowieso nicht mehr an die Tandas und zweitens haben die Tänzer bei schöner Musik sowieso die Zeit vergessen.

Neo-Tango

Nur weil der Name eines Interpreten nach Tango klingt (z. B. Tanghetto oder Electrocutango) heißt das noch lange nicht dass all seine Stücke auch tanzbar sind! Auch hier sollte man ganz genauso nach den oben beschriebenen Kriterien prüfen.

Die zweite Hürde bei Neo-Tangos ist oft, dass der Beat nicht eindeutig vorgibt, ob darauf ein Tango oder eine Milonga getanzt werden „soll“. Ein solches Beispiel ist dieses Stück:

Es ist, ohne Frage, ein wunderschönes Musikstück. Aber der Beat lässt sowohl langsame Tangoschritte, als auch schnelle Milongaschritte zu. Prinzipiell kann das Stück gespielt werden, nur wäre es dann gut, wenn ausreichend Platz auf der Tanzfläche für beide Interpretationen ist.

Non-Vals

Non-Vals wird in der Regel gut angenommen. Non-Vals ist auch das, womit man eingefleischte Fans klassischer Tango Musik noch am ehesten auf die Tanzfläche locken kann.

Wichtig ist das Tempo. Auf einen Non-Vals sollte man genauso schreiten können, wie auf einen Non-Tango. Es ist also auch hier wichtig, dass ein klarer „Beat“ erkennbar ist. Man kann sich an den gleichen Tempovorgaben orientieren, wie ich sie oben im Abschnitt Der Beat angegeben habe. Genauso sind es aber hier auch die Verspieltheit und die Abwechslung, die ein Stück nicht nur tanzbar, sondern auch interessant machen.

Ein Beispiel für einen schönen Non-Vals ist dieses hier:

Ein Beispiel für einen Non-Vals, den ich eher kritisch höre ist der folgende. Er hat ein gutes Tempo, eine schöne Instrumentierung und nette verpspielte Elemente. Aber der Beat läuft so gleichmäßig und unbarmherzig die ganzen fünf Minuten durch, dass mir als Tänzer der Eindruck ensteht, ich könnte einfach keine Luft holen. Schön zum hören, fraglich zum tanzen:

Die Ausnahmen

Trotz aller „Regeln“, die ich hier aufstelle, gibt es immer wieder Ausnahmen. Es gibt Stücke, die ich sofort als untanzbar aussortieren würde, welche aber dennoch regelmäßig für volle Tanzflächen sorgen. Der Grund dafür ist die enorme Freiheit, welche der Tango dem Tänzer bietet. Jeder Schritt kann unabhängig von dem vorherigen gesetzt werden. Es kann also rein auf die Melodie eines Stückes getanzt werden, unabhängig vom Beat oder gar ohne Beat. Genauso kann auch eine Melodie „ignoriert“ werden, wenn der Beat interessant ist. Es lohnt sich, jedes schöne Musikstück einfach ein paar mal zu Hause mit dem Tanzpartner auszuprobieren. Vielleicht ist ja die ein oder andere Entdeckung dabei.

Ein Beispiel dafür ist „Nothing Else Matters“ in der Version von Apocalyptica. Es ist kein Non-Tango, da es einen 6/8 Rhythmus hat, aber für einen Non-Vals ist es auch trotzdem deutlich zu langsam. Dennoch habe ich viele Milongas erlebt, bei denen die Tanzfläche voll war, als das Lied gespielt wurde. Ein (Tango-) Mysterium …